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Musikantendorf Hundeshagen

Hundeshagen in den Jahren 1944 bis 1947 nach den Aufzeichnungen vom damaligen Lehrer Franz Bley

überarbeitet vom Ortschronisten Gerhard Trunkhan

Am Mittwoch, den 16.08.1944 ging ein viermotoriger amerikanischer Bomber nach vorangegangenen Feuergefecht mit deutschen Fliegern in den Tannen unterhalb des Vorwerkes Hermerthal nieder. Zwei Insassen, die mit Fallschirmen abgesprungen waren, waren tot, da die Schirme versagten, einer geriet lebend in Gefangenschaft, andere trieben mit Ihren Fallschirmen weit ab.

Am 28.09.1944 überflogen in großer Höhe 7000-8000 Meter lange weiße Streifen hinter sich lassend, mehrere hundert feindliche Flugzeuge in west./östl. Richtung den Ort. Als kleine silbrige Punkte schimmerten sie von oben herab und doch, welche Fülle von Tod und Verderben führten sie mit sich. Trotz der enormen Höhe klirrten die Fensterscheiben.

Das Jahr 1945 in Hundeshagen

22.02.1945
Bei Stolzes Ziegelei wurde von feindlichen Tieffliegern ein Lastauto beschossen. Der eine Fahrer erhielt einen Beinschuß, der andere einen Bauchschuß.

24.02.1945
Sechs feindliche Tiefflieger überfliegen den Ort in Richtung Ost / West. Bei Gerblingerode beschossen sie einen Urlauberzug. Bei Meta Bornemann (heute unterhalb Sassenberg ) brannte der Mist. Als man nach der Ursache suchte, fand man Geschoßeinschläge und Geschoßsplitter.

10.03.1945
Bei stürmischen und regnerischen Wetter kommen Nachts um halb 12 Uhr
12 Ostflüchtlinge hier an. Unsägliche Leiden haben die Armen auf Ihrer Flucht aus Ostpreußen erlitten. Zeitenweise fuhren Sie in offenen Eisenbahnwagen bei grimmiger Kälte und Schneetreiben. Das dreiwöchige Kind der Frau Krajewski starb unterwegs. Um sich des Kindes zu entledigen, mußte Sie sich aus dem fahrenden Zuge werfen. Der Frau waren die Hände erfroren. Die Flüchtlinge wurden von Karl Zellermann und August Biermann in Teistungen abgeholt. In der Schule erhielten die Flüchtlinge Kaffee und Kuchen, Brote, Wurst und Eier. Die erste Nacht mußten Sie in der Schule verbleiben. Um 7,00 Uhr wurde Sie in Ihre Quartiere gebracht.
Die Flüchtlinge waren :
1. Frl. Hilde Marks (Osterode) mit Anneliese Marks. Sie kamen zu Jakob Ringleb. Nach kaum 14 Tagen zog Sie wegen Unstimmigkeiten zu Frau Ellrich
2. Bodo Marks, Vater vermißt, kam zu Albert Maulhardt
3. Berta Berg(Osterode) kam mit 3 Kindern zu Josefine Saalfeld
4. Frl.Josefine Salewski (Osterode), kam zu Christoph Hottenrott
5. Witwe Barbara Tilenis, Litauer mit Halbblinden Sohn kam zu Windolph
6. Witwe Schitzik (Osterode), kam zu Johannes Braun
7. Ensin kam zu Ferdinand Huke
8. Frau Ratke mit 2 Kindern kam auf 2 Stunden zu Frau Streicher, dann Philipp Borchardt, nach 8 Tagen zu Philipp Eckermann I.

27.03.1945
In zwei Autobussen kommen 40 Waisenkinder mit 15 Personen Pflegepersonal aus einem Kinderheim in Berlin hier an. Die zwei Klassen an der Straße im alten Schulgebäude geräumt, von Lehrer Mahrs Wohnung die Küche und zwei Zimmer.

28.03.1945
Lehrer Mahrs Bruder kommt. Er ist dienstverpflichtet bei Nordhausen bei der Herstellung der V 2. Da er es wegen der Bombengefahr in Niedersachswerfen nicht mehr aushielt, und ein großer Teil der Arbeiterschaft nicht mehr zur Arbeit kam, hatte er sich auch auf den Weg zur Heimat gemacht. Er wollte sich hier einige Tage ausruhen und dann per Rad heimfahren.

30.03.1945 Karfreitag.
Die Ortsgruppen- und Zellenleiter mußten nach Worbis, wo Sie der kreisliche (Vogt?) sprechen wollte. Der aber erschien nicht. 40 Ukrainer liegen auf Alfons Hüthers Scheune. Sie sollen auf den Fußmarsch nach Bitterfeld sein. Sie haben grüne Uniformen. Nach Übernachtung und Verpflegung gehts wieder weiter. Die Amerikaner sollen 30 Km jenseits Kassel sein. In der darauffolgenden Nacht wird bei Philipp Maulhardt ein Einbruch in die Vorratskammer gemacht. Erika, die Tochter sieht das Licht, öffnet die Tür und bekommt ein Einkochglas an den Kopf. Es fehlen 8 Einkochgläser mit Fleisch, ein Topf mit Fett und ein Topf mit Mus.

31.03.1945
Es kommt die Nachricht, daß Ludwig Humburg in Passau tödlich verunglückt sei.

01.04.1945 1.Ostertag
Deutsche Panzerspähwagen, von Steinbach kommend halten auf der Gemeinde und auf der Straße zur Kalten Linde. Gegen 10,00 Uhr tauchen amerikanische Flugzeuge mit doppelten Rumpf auf. Sie kreisen lange, es erfolgen dann Bombenabwürfe. Der Eisenbahnmaschinenschuppen in Leinefelde wird empfindlich getroffen, ein Treffer erhielt die Straße nach Breitenholz. Am Abend des 1.Ostertages werden Mannschaften der Panzerspähabteilung hier einquartiert. Auf Hüthers Hofe neben der Schule wird eine Reparatur- werkstatt eingerichtet.

02.04.1945 2.Ostertag
Das Serbenlager bei Notvogel wird aufgelöst. Vom Forstamt Leinefelde war auf dem Fabriksaale bei Sassenberg ein Lager für etwa 19 kriegsgefangene Serben eingerichtet worden. Sie sollten im staatlichen Forst Holz hauen. Sie wurden jeden Morgen von Karl Gerbig hin und abends wieder heimgeführt. Außerdem war noch ein Lagerleiter im Lager. In jenen kritischen Tagen verschwand derselbe und die Lagerinsassen waren sich selbst überlassen. Sie lungerten noch einige Tage in der Umgebung herum und verschwanden dann. Im Schulgarten war das Rollen der deutschen zurückflutenden Panzer auf der Straße vom Zehnsberg nach Steinbach zu hören. Am Abend treffen neue deutsche Truppen ein. Wir (Lehrer Bley), erhielt den Fahrer eines Panzers mit Namen Trapp. In Ziegenhain war sein Panzer von einem amerikanischen Panzer abgeschossen worden. Mit genauer Not entkam er und hat sich dann zu Fuß durchgeschlagen bis hierher, wo er seine Truppe wiederfand. Am 2. Ostertag war Erstkommunion der Kinder. Sie wurde in vielen Häusern begangen, als lebten wir in besten Friedenszeiten, mit viel Staat und Aufmachung. In einem Haus feierten 30 Menschen mit. Abends hörte man Kanonendonner in Richtung Kassel. Alle Tage kamen Flüchtlinge die Unterkunft suchten, die von der heranrückenden Front auswichen.

03.04.1945
Es kam die Nachricht, daß Rudolf Röthling und Jos.Otto gefallen sind. Ich (Herr Bley) war heute per Rad in Gernrode über Worbis. Die Straße beherrschte unsere zurückflutende Armee, hauptsächlich motorisierte. Doch unter 10 Wagen war mindesten einer der abgeschleppt wurde. An der Eisenbahnbrücke Breitenbach/Worbis wurde gerade eine Panzersperren angelegt. Gernrode war überflutet von deutschen Truppen. Bei Otto und Gustav Windolph waren in der vorhergehenden Nacht 50 Mann in der Scheune etc. untergebracht. Die Vorräte an Wäche, Schlachtesachen usw. wurden versteckt. Die Belegschaft auf dem Munitionswerk in Bernterode wurde entlassen. In den letzten Tagen zuvor hörte man laute Explosionen Richtung Bernterode, Dün, Heiligenstadt. Es wurde verlautet, daß auf dem Dün eine Abschußstelle für V 2  eingebaut wurde. Da unserer Truppen zurück mußten, sei diese Anlage gesprengt worden. Auf dem Schulhofe wohnen z.Zt.70 Personen. Es verkehren keine Personenzüge. Infolge dessen kommt keine Post, das elektrische Licht ist stundenweise gesperrt.

04.04.1945 Schulbeginn:
Um 12,00 Uhr wird die Schule wieder auf unbestimmt Zeit geschlossen. Wär hätte das je geahnt, daß dies mein letzter Schultag sein sollte( Lehrer Bley). Die Lehrerin Fräulein Hunold war beim Schulrat Jungblut gewesen und hatte von ihm die Mitteilung mitgebracht, daß in Anbetracht der kritischen Zeit es besser sei, die Schule zu schließen. Frau Hollenbach aus Leinefelde trifft mit zwei Kindern, Koffer und Handwagen hier ein, um Zuflucht bei uns zu suchen. Ein Glück das sie wieder abzieht, denn es sollen schwere Stunden kommen. Lind, Hans und Ulbrich holen Samenfrucht in Worbis, auf der Straße von Worbis nach Breitenbach machen Sie einen Tieffliegerangriff mit. Sie haben sich am Bahndamme in Sicherheit gebracht. Am Abend müssen unsere einquartierten Soldaten ins Massenquartier (Saal Notvogel). Das bedeutete schon eine Art Alarm- bereitschaft. Um 1,00 Uhr Nachts müssen sie abrücken. Alle Fahrräder sollen vom deutschen Militär beschlagnahmt werden. Im Walde in der Haarbach war deutsches Militär in Deckung. Es hatte Zelte aufgeschlagen. Als unsere Soldaten abzogen, hat auch dieses den Standort gewechselt in Richtung Herzberg am Harz. Der Platz aber, an dem Sie lagen, war übersäht mit aller erdenklichen Ausrüstungsgegenständen: ca.30 Benzinfässer, Schuhe, Hosen, Brote etc. Als dieses im Dorfe bekannt wurde, begann eine förmliche Völkerwanderung dorthin.

05.04.1945
Die Sparkassen zahlen nur bis 300 RM aus. Ich (Lehrer Bley) versuchte noch einmal nach Duderstadt zu kommen. Neben der hohen Mauer von Teistungenburg legte man gerade eine Panzersperre an, ein völlig weckloses Unternehmen. In Gerblingerode brachte man schwere Flack und Artillerie- geschütze in Stellung. Ich hielt es deshalb für ratsam umzukehren. Auf dem Heimwege begegnete ich Willi Stolze in Uniform, der sich stellen wollte. Von 11,00 Uhr - 12,00 Uhr durchzogen Neger unseren Ort, am Tage zuvor ca.800 Russen. Sie hatten sicher Ihren Arbeitsplatz verlassen müssen, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen. Die Russen haben das Serben- quartier bezogen. Am 5.4.45 gab es Lebensmittelkarten und nun stehen die Menschen Kopf am Kopf in und vor allen Geschäften und kaufen. Bis auf die Straße reichen die Schlangen. Ostern sind viele Zivilurlauber gekommen, sie können nun nicht wieder fort da der Zugverkehr teilweise gesperrt ist. Frau Christoph Glahn entfernte eigenmächtig das Schild am Bürgermeister- amte. Ihr Haus solle nicht dadurch, daß das Schulzenamte darin sei, in Mitleidenschaft gezogen werden.

06.04.1945
Walter Fahrig und Eugen Schwedhelm verletzen sich stark am Beine, da Sie gefundene Munition zur Explusion bringen. Fahrig, Knauber und Braun brachten heute nur Munition zur Entladung. Ein Kind aus dem Berliner Kinderheim ist gestorben und liegt friedlich aufgebahrt in der Klasse der neuen Schule.

07.04.1945
Amerikanische Panzer kommen nach Leinefelde , drehen wieder ab in Richtung Wachstedt. Der Feind steht östlich vor Mühlhausen.

08.04.1945
Der Weiße Sonntag verlief ziemlich ruhig. Bis 12,00 Uhr war starker Bodennebel, dann trat Aufhellung ein. Von 12,00 Uhr-13,00 Uhr Luftkampf über Hundeshagen. Am Nachmittag starker Kanonendonner Richtung Mühlhausen, Göttingen. Von 6,00 Uhr-7,00 Uhr kreisen ca.30 Jagdbomber Richtung Worbis, Bernterode. Es erfolgen Bombeneinschläge mit Bordfeuerwaffen. Worbis hat an diesem Tage Treffer abbekommen. Um 8,00 Uhr kam neue Einquartierung (Artillerie).

10.04.1945
In der Scheune standen 2 Pferde. Der Fahrer hieß Fahrenschon und stammte aus Rettenbach. Er war 7 Jahre Soldat. Mit Ihm kamen 2 Flammenwerfer- jungen, ein 19 Jahre alter aus Berlin, ein 18 Jahre alter aus Bremen. Diese suchten ihre Einheit. Nachts um 4,00 Uhr war Stellungswechsel. Am anderen Morgen standen 4 Pferde in der Scheune(Pioniere).Die Mannschaften schliefen bei K. Schindler auf den Dielen. Die Quartiere zuvor waren in Westhausen und Witzenhausen. 160 Pferde hatten sie. In Weißenfels waren sie erst neu aufgestellt worden. Wer hätte an diesem Morgen gedacht, daß der Abend so ereignisreich werden sollte. Am Vormittage sollte mein Auto, das im Januar schon vom Landrat beschlagnahmt war, wieder abgeholt werden von unseren Truppen. Doch mein Fahrrad wurde mir von deutschen Soldaten hinter meinem Rücken aus dem Stalle geholt. Auch Mahrs Motorrad wurde geholt und wiedergebracht, weil sie es nicht in Betrieb bringen konnten. Das Bürgermeisteramt war von unseren Deutschen Truppen besetzt. Es war stets ein Rein- und Rausgehen, ein Kommen, ein Melden, empfangen, befehlen und weggehen. Es lag in allem eine Hast und Aufregung. Der Bürgermeister war nicht mehr dort. Der Ort glich an diesem Tag einer kleinen Garnision. Es kam der Befehl, 12 1/2 Uhr sei Abrücken aller Truppengattungen. Zur bestimmten Zeit brach ein großer Wagenpark auf, Richtung Gerode, alles im eiligen Rückzug, da eine Einkesselung zu befürchten war. Die Amerikaner sollen auch schon bis Seuligen vorgestoßen sein. Nachdem die Truppen abgezogen waren, war es für kurze Zeit ruhig im Ort. Aber nach kaum einer Stunde begann ein Artillerieduell. Anscheinend deckte unsere Artillerie den Rückzug vom Ohmgebirge aus. Das Gefecht dauerte den ganzen Nachmittag. Vom Garten Bienenhaus aus beobachtete ich. Die Geschosse schlugen am Rotenberge Richtung Neuendorf, Reinholterode ein. Am späten Nachmittag, etwa 19,00 Uhr trat kurze Pause ein. Um 20,00 Uhr begann das Feuer von neuem. Das feindliche Feuer lag jetzt näher. Eine Granate schlug an der Birken ein, eine andere im Hißchensloche. Ich konnte dieses genau beobachten, da ich auf der Bank hinter dem Bienenhause saß. Auch wir, die wir in unserem Garten uns aufhielten(Familie Bley), nahmen schnell Stellungswechsel vor. Wir eilten ins Haus, holten die nötigsten Sachen, wie Betten etc runter, da wir bei einem Treffer ins Haus einen Brand befürchteten. Frau Bieber und Frau Fahrig bezogen ein Notquartier im Keller. Der alte Fahrig beobachtete das feindliche Feuer von seiner Wohnung aus im 2.Stock.Anna und ich(Familie Bley) standen in der Haustür der alten Schule. Die Straßen waren leer. Es fielen im Verlaufe der Nacht bis gegen 2,00 Uhr etwa 200 Schuß abwechselnd auf die Ausgänge im Königstal und die Freiheit und in den Forst auf dem Zehnsberg. Wir hörten immer erst den dumpfen Abschuß, dann kurz danach das Pfeifen und Heulen in der Luft als das Geschoß über uns hinwegflog, dann kam der scharfe Einschlag. Treffer erhielten die Gebäude: Alfons Müller Königstal, Meta Bornemann, Alfons Lips, Alois Maulhardt
Granatsplitter erhielten viele Häuser. Der Arbeiter Johannes Hausmann war mit seinen Angehörigen und der Flüchtlingsfamilie Stelzer im Keller. Hausmann will vom Kellerfenster aus beobachten, es kommt eine Granate, sie explodiert an der Kelleraußenmauer vor dem Fenster und drückt die Wand ein. An den Folgen ist Hausmann nach kurzer Zeit im Keller gestorben. Die Frau von Franz Bode (Margaretha im Königstal), läuft während des Beschusses über die Straße, eine krepierende Granate reißt Ihr den Sterz halb weg. Sie wird am folgenden Tag von einem amerikanischen Auto ins Krankenhaus gebracht und lange Wochen wußten die Angehörigen nicht , wo sie sich befand. Da keine Bahn ging, konnte sie sich auch nicht melden. Nach mehreren Monaten kam sie von Marburg zurück.

10.04.1945
Nach dieser bangen, unheilvollen Nacht brach ein selten schöner Morgen mit Sonnenschein und Vogelgesang an. Es war alles ruhig. Man hätte den tiefsten Frieden vermuten sollen. Als wir um 7,00 Uhr aufstanden stand vor den großen Luftschutzkeller der neuen Schule eine große Volksversammlung. August Fraatz wollte seine Frau, die in Hoffnung war, dort unterbringen. Christoph Riemekasten von der Wiese mit Familie und allen Angehörigen war desgleichen dort. Sie wußten, daß um 8,00 Uhr der Beschuß von neuem einsetzte und darum wollten sie in den Luftschutzkeller. Weil aber der Beschuß nicht begann, darum verzog man sich wieder nach Hause. An diesem Tage wurde nichts getan. Die Straßen füllten sich mit debattierenden Menschen, der ganze "Rasen" hatte weiß geflaggt sowie das ganze Dorf zu 95 %. In unserer Nähe (Schule) hatte nicht geflaggt: Otto, Braschki, Iseke, Sassenberg.
Vom Rotenberg in Richtung Neuendorf hörte man das unaufhörliche Rollen von Panzern. Dieses ging tagelang so. Ich (Lehrer Bley) gehen bei dem herrlichen Sonnenschein den Kirchenweg hinauf auf die Höhe, weit und breit ist kein Mensch zu sehen, kein Fuhrwerk, kein Pflug im Feld, nur immer das Rasseln der Panzer hinter dem Walde hörte man. Gegen Mittag rollen die Panzer durch den Zehnsberg in Richtung Worbis. Aber Hundeshagen liegt entweder so versteckt, daß die Amerikaner es nicht finden, oder es spielt in ihren Operationen eine so unbedeutende Rolle, daß sie es nicht einmal berühren brauchten. Darüber sind manche in Hundeshagen enttäuscht. Sie glaubten, die Amerikaner würden ihnen mit Schokolade und Zigaretten entgegenkommen. Seit dem 08.04.45 keine Post, keinen elektrischen Strom, kein Telefon da die Drähte zerrissen sind. Das Lager der Ukrainer, welches nach Abzug der Serben eingelagert war, ist gestern aufgelöst worden (09.04.45). Die armen Menschen lungern umher und betteln um ein Stückchen Brot. Heute ist kein Artilleriebeschuß mehr. Zwischen 6,00 Uhr und 7,00 Uhr überflogen 39 amerikanische Flugzeuge unseren Ort. Um halb 7,oo Uhr ist keine weiße Fahne mehr zu sehen. Die Straße ist voll von Menschen, welche debattieren. Es soll der Wehrwolf von Duderstadt hier gewesen sein. Sie sollen jedem mit Erschießen gedroht haben, der noch eine weiße Fahne zeige. Im Königstal und auf dem Berge sieht es nach dem Beschuß böse aus. Das alte Haus vom Tischler Müller hat kein Dach, das von Franz Bode erhielt einen Volltreffer, Franz Nachtwey auf dem Berge büßte eine Ziege mit 4 Lämmern ein. Wtw. Joh. Ringleb und Karl Ringleb auf dem Berge haben Treffer im Dach, ganze Fensterscheiben haben nur noch wenige. Granatsplitter sitzen in vielen Häusern. Viele Obstbäume im Königstal und viele Bäume im Walde hinter Heinrich Engelhardt auf der Freiheit haben keine Äste. Ein Bild der Verwüstung, doch es hätte viel schlimmer sein können. Um viertel 8 waren die weißen Fahnen wieder zu sehen. Um halb 8 kamen zwei Soldaten mit Maschinenpistolen und forderten laut auf alle zu erschießen, die noch eine weiße Fahne zeigten. Christoph Maulhardt protestierte dagegen.

11.04.1945
Um 1,00 Uhr Bekanntmachung durch die Ortsschelle, daß bis spätestens 2,00 Uhr alle Hieb-, Schuß- und Stichwaffen auf dem Bürgermeisteramte abzuliefern sind. Dies war der erste Befehl der amerikanischen Besatzung. Wer diesem Befehle nicht nachkommt, würde nach Militärgesetzen streng bestraft. Es durfte auch niemand den Ort verlassen. Um viertel 12 brachte ich hin (Lehrer Bley) 1 Drilling, 1 Kugelgewehr, 1 Luftgewehr. Um 5,00 Uhr war ich wieder dort um meine Gewehre wiederzuholen weil es hieß, Jäger dürfen ihre Waffen behalten. Was war nicht alles auf dem Bürgermeisteramt abgeliefert worden : Waffen aller Gattungen, jeden Kalibers, vom ältesten Vorlader aus der Zeit der Freiheitskriege bis zum modernsten Gewehr mit Mehrladeeinrichtungen, Gasmasken, Säbel, Brotbeutel, Pistolen, Kindergewehre. Es erschien um 5,00 Uhr ein Auto mit zwei amerikanischen Offizieren und zwei Männern. Sie grüßten und baten uns Platz zu nehmen. Sie durchsuchten die Waffen, aber anscheinend fanden Sie nicht das, was Sie suchten. Sie suchten nach Pistolen, Ferngläsern und Photoapparaten. Am Vormittage holte ein amerikanisches Rotes Kreuzauto Frau Margarethe Bode ab in ein Duderstädter Krankenhaus. Wir lagen nun schon hinter der Kampffront. Das System Hitlers war zusammengebrochen.
Das Langholz, welches an die Badeanstalt geschleift worden war, wurde zersägt und gestohlen. Das Gruben- bzw. Schleifholz vor der Bäckerei Buckler auf der  Freiheit, ca 50 Meter, wurde am hellen Tage weggeholt (Frau Ernst). Ein deutscher Küchenwagen, der auf der Freiheit in der Nähe von Ludwig Kruse abgestellt war und mit Lebensmitteln der verschiedensten Art voll aufgefüllt war, wurde ausgeraubt. An einem deutschen PKW Wagen, der auch auf der Freiheit stand, schlug man ein Loch in den Benzintank und stahl den Benzin. Die Milchkannen, welche von den Bauern zum abholen rausgestellt waren, wurden mit samt der Milch geklaut. Bei Christoph Bode und Mecke im Königstal ist ein Einbruch verübt worden. Es sind Fleich- und Wurstbüchsen vom Schlachten verschwunden. Es hat alles seinen Grund. In den umliegenden Wäldern hielten sich in diesen Tagen versprengte deutsche Truppen auf, so auch im Forsthaus "Höhle". Hundeshagener sollen damit gedroht haben, Sie an die Feinde auszuliefern. Auch auf Eylungen soll sich ein deutscher Hauptmann mit Soldaten aufgehalten haben.

13.04.1945
Ein Gerücht treibt das andere; aber das der amerikanische Präsident tot ist, das ist wahr. Seit Montag sind wir ohne elektrischen Strom, ohne Licht, ohne Telefon  und ohne Radio. Von einem Auto, welches in der Dautel von deutschen Truppen stehen gelassen wurde holen sich Blaschkowski und Bernhardt Bause die Räder. Zeuge dieser Aktion war Ewald Maulhardt. Von der hiesigen Schuljugend wurden Panzerfäuste gefunden (Helmut Credo)und dem Bürgermeister Bode gemeldet, ohne das sie sichergestellt wurden.

14.04.1945
Lehrer Mahrs Bruder reist ab. Um 10,00 Uhr wird bekannt gemacht, daß die Holzdiebstähle unterbleiben müssen. Heinrich Bringmann und Blachkowski fahren trotzdem weiter.

15.04.1945
Heute bin ich zu Fuß nach Gernrode. Unterwegs fällt mir auf, daß die Straßen von den vielen Panzern, die darüber wegrollten sehr rau waren. In Gernrode war die Straße nach Nordhausen , also nach der Front, von Amerikanern gesichert. Auf dem "Rödichen", auf dem "Hausen'schen Berg" und im "Riedfelde" stand amerikanische Artillerie. Auf Otto's Lande im Riedfelde war ein Munitionslager errichtet. Amerikanische Autos aller Gattungen rollen unablässig rauf und runter. Dort sah ich auch eins mit Negern dicht besetzt. Die Truppen machten einen ausgezeichneten Eindruck. Gernrode sollte am 08.04.1945 von deutscher SS verteidigt werden. Die Bevölkerung in Gernrode wehrte sich dagegen, da dieses sinnlos sei. Das Dorf würde dabei sehr wahrscheinlich zu einem Trümmerhaufen gemacht worden sein. Albert Klingebiel hat wohl am lautesten dagegen Einspruch erhoben. Er hat ihnen erklärt, daß es zwecklos sei, daß nachdem die Rheinlinie, die Ober-und Elbelinie nicht halten konnten, der Wipperstrand uns nun auch nicht mehr retten könne bei einer Verteidigung. Er wurde von der SS festgenommen und an das Geschütz gebunden. Gernrode hatte bei Annäherung des Feindes weiß geflaggt, ohne Ausnahme.
Ein amerikanisches Auto fuhr bei G.Brodmann vor, die Mannschaften kamen herein, setzten sich an einem Tisch, brachten  Wein, Weißbrot und Bohnenkaffee reichlich mit und alle mußten Essen und Trinken. Sie benahmen sich ohne Tadel und waren freundlich und gastfreundlich. Am 15.04.1945 abends traf der Pole Andreas von Christoph Klingebiel mit dessen Fuhrwerk wieder hier ein. Er hatte beim Abzug der deutschen Truppen Bagage fahren müssen und war erst am Harz wieder entlassen worden. Man hatte schon angenommen, Andreas sei mit den Pferden und Wagen ausgerissen. Eine Woche war er fort. Bei Heinrich Gümpel blieben nach dem Abzug der deutschen Wehrmacht zwei Pferde stehen. Bei der Regenbuche sollen deutsche Waffen gelegen haben, u.a. Maschinenpistolen und Munition.

16.04.1945
Wir bestellen auf dem Holzberge. Unten im Tale, auf der Straße Leinefelde nach Breitenbach rollen unaufhörlich amerikanische Autos aller Gattungen vor, Richtung Front, in der Luft Hunderte von Fliegern, auch Fieseler Storch. Aus der Richtung Harz ist starker Kanonendonner vernehmbar.

17.04.1945
Flüchtlinge kommen durch den Ort, die in ihre Heimat zurück wollen, in aller nur erdenklichen Aufmachung. Auf den Kassen werden nur noch 100 Reichsmark ausgezahlt. Heute ist auch die Beerdigung von Rosevelts. Sehr reger amerikanischer Fliegerverkehr. In der Nacht war ein heftiges Gewitter mit ergiebigen Regen. Der Krieg hatte auch in Hundeshagen sehr viel Leid und Not hinterlassen.

20.04.1995
Es wurde durch die Ortsschelle bekannt gemacht, wer Heeresgut im Besitz hat, muß dieses unverzüglich auf dem Bürgermeisteramte abgeben. Sperrzeit ist von 18,00 Uhr bis 8,00 Uhr. Bei Zuwiderhandlungen wird die freie Zeit noch verkürzt und die Schuldigen werden nach Militärgesetzen bestraft.

21.04.1945
An der neuen Schule sind Plakate angeschlagen in englischer und deutscher Sprache .Auf diesen Plakaten sind Verordnungen zu lesen. Auf der Freiheit, in der Nähe von Georg Bode steht eine amerikanische Funkabteilung. Es wird wieder regelmäßig Religionsunterricht erteilt. Die Bartomäusbücherei leiht wieder Bücher aus.

23.04.1945
Es tritt der neue Bürgermeister Oskar Kruse den Bürgermeisterdienst an. Der Bauer Gustav Windolph fährt den neuen "Schulzen" nach Worbis zur Vereidigung. Es gibt immer noch keinen Strom, kein Telefon, keine Post. Der Katholische Kindergarten öffnet wieder sein Pforten. Die Bittprozeßionen finden wieder statt. Da keine Post geht, muß jeden Mittwoch und Sonnabend ein Kurier nach Wintzingerode und dort die amtlichen Schreiben abliefern und abholen. Die Wege für Hundeshagen erledigt Herr Karl Borchardt.

05.05.1945
Wir haben wieder elektrischen Strom nach ca.4 Wochen. Die Kassen zahlen nur noch 50 Reichsmark aus. Es ist auffällig ruhig geworden, keine Flieger, keinen Kanonendonner.

08.05.1945
Totaler Waffenstillstand. Es sind große Siegesfeiern in London wo der König spricht, in Washington wo der Präsident spricht und in Moskau. Täglich hörte man aus der Gegend Bernterode gewaltige Detonationen. Munition wird in den Wäldern auf den Haufen gefahren und gesprengt. Alle Soldaten, die sich zu Hause aufhalten, müssen sich um zwei Uhr vor dem Bürgermeisteramt zum Abtransport in ein Lager melden. Um halb zwei fuhr ein amerikanisches Auto, voll geladen mit deutschen Soldaten in Zivil ab. Sie kamen in das Lager bei Niederorschel in dem im Kriege russische Gefangene waren.

14.05.1945
Sie kommen freudestrahlend aus Niederorschel zurück. Ein seltenes, nie gekanntes Gefühl überkommt einem. Man sitzt wie auf einem Pulverfaß. Täglich hört man, daß dieser oder jener aus der Nazizeit abgeholt worden ist. Es liegen Anzeigen vor, die nicht in allen Fällen auf Wahrheit beruhen, was den Angeklagten zur Last gelegt wird. Das Kinderheim aus Berlin, welches in der Schule untergebracht war, zieht nach Beinrode bei Leinefelde. Die Schule ist seit Ostern immer noch geschlossen. Sperrzeit ist von 17,30 Uhr bis 9,00 Uhr.

Ende