Schrötter
Elektrotechnik

Tchibo.de - Jede Woche eine neue Welt!

Musikantendorf Hundeshagen

Zigarrenindustrie in Hundeshagen und auf dem Eichsfelde

aufgezeichnet vom Ortschronisten Gerhard Trunkhan

Wenn damals durch die Dörfer und Städte unseres geliebten Eichsfeldes gewandert  wurde und durch die niedrigen Fenster an den Häusern in die Stuben geschaut wurde, so konnte man immer wieder vor einem schmalen Tisch am Fenster sitzend geschickte Hände von Männern und Frauen sehen, die Zigarren machten. Neben Ihnen stehend übereinander eine Reihe schmaler Holzkästen in eine Handpresse eingespannt; es waren die sogenannten Wickelformen, neben einem scharfen Messer. Es war vorwiegend das einzige Werkzeug der Zigarrenmacher. Aber nicht nur diese Heimarbeiter, sondern auch schöne neue Fabrikgebäude wurden gebaut und die Zigarrenindustrie wurde ein wichtiger Erwerbszweig der Eichsfelder.
Zigarrenfabriken finden wir fast überall in Deutschland, in Westfalen, Hessen, Schlesien, Westpreußen, Sachsen, in der Mark und in der Pfalz usw. Überall ist die eigentlichen Produktion auf dem Lande und in den kleinen Städten. Die großen Städte wie Bremen, Hamburg, Berlin, Dresden waren fast nur der Sitz von Firmen mit ihren Kontoren. So wurden Bremer Zigarren meist gar nicht in Bremen sondern in Westfalen, Hessen und nicht zuletzt auf dem Eichsfelde hergestellt.
Um 1860 wurde die Zigarrenindustrie von zwei Seiten auf das Eichsfeld gebracht, von Mühlhausen zunächst auf den eichsfeldischen Teil des Landkreises und vom fernen Bremen nach Heiligenstadt. Sie fand bis zur Jahrhundertwende und so bis gegen 1950 eine schnelle Verbreitung.
Um 1925 gab es auf dem Eichsfelde kaum ein Dorf, wo keine Zigarren hergestellt wurden oder wenigstens einmal hergestellt wurden. Nun darf man aber nicht meinen, dass die Bremer oder Westfalener Firmen einfach ihre Fabriken auf das Eichsfeld zu verlegen oder dort Filialen zu gründen brauchten und die Sache von sich aus weitergehe; nein, da gab es viele innere und äußere Schwierigkeiten zu überwinden. Die äußeren Schwierigkeiten gingen vom Staat aus, der in Gestalt von Tabaksteuern seinen Anteil am Gewinn des Unternehmers forderte und der als Beschützer der Gesundheit seiner Bürger gewisse Mindestanforderungen an die Werktätigen stellte. Zum anderen lagen die Schwierigkeiten in der allgemeinen Wirtschaftslage. Die Zigarrenindustrie, als Industrie eines entbehrlichen Genußmittels, kann nämlich nur blühen in Zeiten guter wirtschaftlicher Konjunktur, deshalb können wir in den Jahren nach 1870 (Gründerjahre) eine rasche Zunahme der Zigarrenfabriken beobachten, während sich das Tempo in den 80er und 90er Jahren wesentlich verlangsamte.
Eine zweite  Welle der Hochkonjungtur folgte in den Jahres 1905/06 die dann jedoch auch wieder abflaute. Dazu trugen auch die Kriegs- und Nachkriegszeit im erheblichen Maße bei.
Die innerlichen Schwierigkeiten, die es für die Industrie zu überwinden galt, kamen ebenfalls aus zwei Hauptquellen. Die erste war der Aufbau der Industrie: es gab nämliche außerordentlich viele Zigarrenfabriken, die sich gegenseitig sehr große Konkurrenz machten und sich in den Preisen unterboten. Das der Konkurrenzkampf für eine junge Industrie wie bei uns auf dem Eichsfelde, die weder in Bezug auf Qualität, noch Kundenkriese über Traditionen verfügte, besonders schwer war, ist wohl jedem Leser klar. Die andere Schwierigkeit war das Auffinden und Anlernen eines geeigneten Arbeitermaterials. Es hat in der Tat unendlich viel Mühe gekostet, die Mädchen anzulernen und sie zu regelmäßigen Kommen und vor allem zu der für die Zigarrenarbeit so unerläßlichen Sauberkeit zu erziehen. Über diese Arbeit hat sich das glänzend gelohnt. Allmählich wurde die Zigarrenarbeit bei den Eichfelderrinnen beliebt, weil sie eine angenehme und saubere Arbeit war. Es entstanden ganze Zigarrenarbeiterfamilien. Die Leute blieben meisten in der Fabrik, wo sie das Zigarren machen gelernt hatten, so dass dann 20 - 30 jährige Arbeitsjubiläen keine Seltenheit waren. Es hatte sich auf dem Eichsfeld ein Stamm hochqualifizierter Zigarrenarbeiterinnen und Zigarrenarbeiter gebildet. Dieser ermöglichte es, daß die besseren und besten "Bremer Zigarren" auf dem Eichsfelde hergestellt wurden.
Das Eichsfeld war ein wenig fruchtbares Hochland, dessen Landwirtschaft nicht im Stande war, die zahlreiche Bevölkerung zu ernähren. Die Eichsfelder mußten sich also eine andere Beschäftigung suchen. Die alten Haugewerbe: Weberei, Korbwarenherstellung usw. bildeten die Beschäftigung im Winter, während man im Sommer entweder diese im Winter hergestellte Waren hausierend verkaufte oder als landwirtschaftliche Saisonarbeiter nach Westfalen oder in die Magdeburger Börde wanderte. Das dies Wander- und Vagabundenleben keine guten Einwirkungen auf den Charakter und die Sittlichkeit des Eichsfeldes ausübte, braucht wohl nicht besonders betont zu werden. Besonders für den weiblichen Teil der Bevölkerung war eine größere Seßhaftigkeit erwünscht. Dazu kam, daß wohl die jüngeren Leute gern als Arbeiter angenommen wurden, aber die Alten der öffentlichen Armenpflege ihres Heimatdorfes zur Last fielen. Dadurch, daß im Winter die Ersparnisse des Sommers restlos aufgezehrt wurden, war endlich an eine wirtschaftliche Hebung der Gesamtlage der Bevölkerung nicht zu denken. Die Armut schien also ewige Bestimmung dieses Landstriches zu sein. Die allmähliche Überführung des Eichsfeldes in gesunde wirtschaftliche Verhältnisse und das Seßhaft machen seiner Bevölkerung war also die große soziale Frage des Eichsfeldes im vorigen Jahrhundert.
Zu ihrer Lösung gab es nur einen Weg, der langsam, aber sicher zum Ziele führte: die Ansiedlung neuer, bis dahin dort unbekannter Industrien. Wir sehen also, dass sich bei der Einführung der Zigarrenindustrie auf dem Eichsfeld zwei Interessenkreise berührten, das Interesse der Industrie an billigen und guten Arbeitskräften und das Interesse der bis dahin in der Heimat nicht nutzbar zu machenden Arbeitskräfte an lohnender Arbeit und wir werden im folgenden erfahren, wie sich im weiteren Verlauf der Entwicklung beide Kreise zu einem größeren zusammengeschlossen, zum Segen der Industrie und des Eichsfeldes.

Zwar darf man nicht annehmen, dass durch die Zigarrenindustrie alle soziale und wirtschaftliche Not auf einmal beseitigt sei. Vielmehr waren die Löhne bis zur Jahrhundertwende noch denkbar niedrig. Aber die Zigarrenarbeit bildete ja vielfach nur einen Zuschußverdienst, denn die meisten Eichsfelder haben ein eigenes Häuschen und ein Stück Land oder Garten, von dem sie das Notwendigste zum Lebensunterhalt ernteten. Die Zigarrenindustrie war aber wie keine andere geeignet, den Arbeitern landwirtschaftliche Nebenbeschäftigung zu ermöglichen. Ihre Hauptbeschäftigungszeit begann im Oktober und dauert in guten Jahren bis zum März. Sie lag also in den Jahreszeiten, in denen in kleinen bäuerlichen Wirtschaften nicht so viel zu tun ist und die Frauen froh waren, wenn sie eine regelmäßige Beschäftigung außerhalb ihrer Hausarbeit hatten. Vom Frühjahr bis zum Herbst lagen in den Zigarrenfabriken meist keine dringenden Bestellungen vor, es wird vielmehr auf Lager gearbeitet. In dieser Zeit waren die Fabrikanten und Werkmeister ziemlich großzügig im Erteilen von Urlaub zur Feldarbeit, im Herbst z. B. der Kartoffelernte gabt es sogar manchmal Kartoffelferien. Andererseits war in den Zeiten des flotten Geschäftsganges, also vor Weihnachten, reichlich Gelegenheit zu Überstunden und damit zu einem Mehrverdienst vorhanden. Im übrigen bewegten sich die Eichsfelder Löhne durchschnittlich in derselben Höhe wie die in Hessen und Sachsen.
Bei 54 stündiger Arbeitszeit verdiente ein Wickelmacher 7 - 9 Mark, ein Roller 10 - 15 Mark und ein Sortierer 12 - 20 Mark. Diese Löhne sind auf Frauen- und die Heimarbeit zugeschnitten. Hierin ist auch der Hauptgrund zu suchen, dass die Männer nicht in der Zigarrenindustrie geblieben sind. Sie suchten sich eine bessere Arbeit, wo mehr Geld zu verdienen war. Die Zigarrenarbeiter waren jedoch besser gestellt als die Textilarbeiter. Mit den  Metallarbeitern in den Städten und den Arbeitern in den Kalischächten konnten sie jedoch nicht mithalten.

Die Zigarrenherstellung geschah entweder in eigens dafür eingerichteten Werkstätten oder in Heimarbeit. Die Werkstätten waren vielfach gemietete Wirtshaussäle, die in der Woche als Zigarrenfabrik und des Sonntags als Tanzboden dienten, oder man hatte mehr oder weniger schöne und hygienische eigene Fabrikgebäude. Es ist oft von den verderblichen Folgen der Zigarrenindustrie auf die Gesundheit der Arbeiter gesprochen worden, vor allem soll die Tuberkulose durch sie begünstigt worden sein. Eine Schädlichkeit des Tabakdunstes hat sich nicht nachweisen lassen. Die Gefahr liegt vielmehr einmal bei der Verarbeitung des trocknen Tabaks mit der ganz unvermeidlichen Staubentwicklung. Sehr anstrengend war und ist auch heute noch die sitzende Tätigkeit und dann noch vorwiegend in gebückter Stellung. In den großen Fabriken hat man an den Decken große elektrisch betriebene Wasserzerstäuber angebracht, durch die der Staub sofort gelöscht, also stets für reine Luft gesorgt wurde. Im übrigen half man sich durch gute Lüftungsanlagen, feuchtes Reinigen der Fußböden und Anstriche. Durch häufiges weißen des Raumes suchte man den Staube vollkommen beizukommen. Leider hatten die Zigarrenarbeiter fast durchweg eine Abneigung gegen das Öffnen der Fenster, so dass im Winter eine fast unerträgliche Luft in den Arbeitsräumen herrschte. Man baute später Ventilatoren ein um für eine bessere Luft zu sorgen. Unangenehm war immer der starke Geruch des angefeuchteten Tabaks, der aber von den Arbeiterinnen kaum noch vernommen wurde. So ist heute für die Gesundheit der Zigarrenarbeiter, soweit es in den menschlichen Kräften steht, gesorgt. Zu früheren Zeiten war dieses , wie soeben gelesen, doch ganz anders. Der Gesetzgeber hat sich verhältnismäßig spät dieser Umstände angenommen. Erst im Mai 1888 erließ der Bundesrat eine Verordnung betreffend die Einrichtung und den Betrieb der zur Anfertigung von Zigarren bestimmten Anlagen. Sie enthielt Bestimmungen über die Lage, Höhe und Beschaffenheit der Arbeitsräume, verbietet ihre Benutzung als Wohn-, Koch- und Schlafzimmer, sowie zum Lagern und Trocknen von Tabak. Das Reinigen und das Lüften der Arbeitsräume waren genau vorgeschrieben. Auf Grund dieser Bestimmungen nahmen die größeren Fabriken in den 1890 er Jahren teils Umbauten , teils Neubauten vor, die nun, wie geschildert hygienisch einwandfreie Arbeitsstätten waren. War ursprünglich die Arbeit in der Fabrik die einzige Möglichkeit der Zigarrenarbeit für die Eichsfelderinnen  gewesen, so bildete sich neben allmählig die Heimarbeit aus. Ihre Anfänge gehen bis in die 1870 er Jahre zurück, hat aber erst um 1910 an Bedeutung zugenommen. 1912 waren ca.13 % aller Zigarrenarbeiterinnen Heimarbeiter. Ihre Hauptgebiete waren in Treffurt und die ehemaligen Weberdörfer. Hier erklärt sich aus der Abneigung der Eichsfelder gegen eine geregelte Fabriktätigkeit. Der Eichsfelder, früher Hausierer, Wanderarbeiter und Handweber, war gewöhnt, sein eigener Herr zu sein und nicht lange bei einer Tätigkeit zu bleiben. Diejenigen, die sich der strengen Fabrikordnung nicht fügen konnten oder wollten, verlangten deshalb Tabak zum verarbeiten mit nach Hause. Die Webstube des Vaters diente seiner Frau oder Tochter auch als Arbeitsstätte. So vollzog sich die Entstehung der Heimarbeit. Im allgemeinen spielte sie sich so ab, dass die Arbeiterinnen den Tabak nach Gewicht bekamen und dann  eine dementsprechende Menge an Zigarren abzuliefern hatten. Der Tabak wurde erst angefeuchtet, dann wurde er entrippt musste dann trocknen. Meistens wurden die Kinder mit dem entrippen beauftragt und das Deckblatt für die Mutter aufzusetzen, da dass entrippen keine gute Arbeit war und diese auch sehr schlecht bezahlt wurde. Das Mischen der Einlage, das auch nicht selten von den Kindern besorgt wurde, erfüllte die Luft des Zimmers, das wegen des Trocknens des Tabaks häufig überheizt war, mit einem Dunst und Staub, der für die Gesundheit höchst nachteilig war. Doch diese sehr schlechten Bedingungen hatten bald ein Ende. Der Einlegetabak wurde dann entrippt, getrocknet und gemischt an die Heimarbeiter ausgeliefert. Teilweise wurde die Zigarren in der Heimarbeit auch nicht ganz fertiggestellt, sondern erst in der Fabrik. Man hatte in der Tabakheimarbeit wie überhaupt in der Heimarbeit im allgemeinen eines der schlimmsten Mißstände. Man hat ihr schwere Schädigungen der Gesundheit der Arbeiter, man hat ihr unerhörte Lohndrückereien zugeschoben und deshalb eifrig ein Verbot der Heimarbeit oder wenigstens der Zigarrenheimarbeit gefordert. Für viele Zigarren- arbeiterinnen auf dem Eichsfelde bedeutete dieses Verbot eine besondere Härte. Es handelte sich hier um Frauen, welche zu Hause unabkömmlich waren, besonders wenn sie eine Reihe kleinerer Kinder oder alte, kranke und schwächliche Angehörige zu versorgen hatten, oder um solche, die in der Fabrik wegen des Platzmangels nicht mehr angenommen werden konnten. In den meisten Fällen bildete die Zigarrenheimarbeit ihre einzige Rettung vor dem Hungern oder Betteln. Die schlimmsten gab es in Treffurt, wo die Zigarrenindustrie sehr verbreitet war. Die unsaubersten Heimarbeiterstätten sollten ortspolizeilich geschlossen werden.
Wir haben lesen können, dass die große Zahl der freien billigen und tüchtigen Arbeitskräfte die Zigarrenindustrie auf das Eichsfeld gerufen hatte, ein großer Prozentsatz wurde seitdem von ihr ernährt. Im Kreise Heiligenstadt waren 1921 von 4765 Arbeitern 3083 und 1922 von 5252 Arbeitern 3250 Zigarrenarbeiter. Das in der Zigarrenindustrie so viel Menschen gebraucht wurden lag daran, dass die Herstellung der Zigarre in ganz überwiegendem Maße eine Handarbeit ist.

Als Rohstoff hat die Eichsfelder Zigarrenindustrie anfangs viel eigenes Kraut, das an den warmen Abhängen des Eichsfeldes und im Werra- und Leinetal wuchs und Pfälzer Tabak verarbeitet. Seit der Jahrhundertwende aber haben die ausländischen Tabake die einheimischen Erzeugnisse endgültig verdrängt, nur in einigen kleinen Rauchtabakfabriken wurde noch der Eichsfelder Tabak verarbeitet. Der Pfälzer Tabak hatte ausgedient und wurde nicht mehr verarbeitet. Nordamerika lieferte die Einlagetabake wie die Sorten "Virginia, Kentucky, Maryland". Dieses waren auch die gewöhnlichsten Sorten. Der Tabak aus China sorgte für feinere Mischungen. Das Umblatt und Deckblatt kam aus "Niederländisch- Indien", "Java" und "Sumatra". Aus Mittel- und Südamerika kamen die Sorten "Habanna" und "Brasil".
Die Zigarre besteht aus Einlage, Umblatt und Deckblatt, wobei Einlage und Umblatt zusammen den Wickel bilden.  Aller Tabak wurde zuerst angefeuchtet, der zur Einlage bestimmt war, dann entrippt und wieder getrocknet. Nachdem die Einlage gut gemischt war, wurde diese in das Umblatt gewickelt. Die Form des Wickels wurde die der fertigen Zigarre. Die Formung der Zigarre erfolgte ohne Hilfe, frei durch die Hand des Arbeiters. Sie konnte auch durch Wickelformen geformt werden. Die Wickelformen wurden meistens bei den mittleren und gewöhnlichen Sorten verwendet, während die kunstvolle Handarbeit bei den guten Qualitätszigarren angewandt wurde. Die fertigen Wickel wurden dann in das Deckblatt eingerollt. Hierbei kam es sehr darauf an, dass das Deckblatt geschickt zugeschnitten wurde, da das Deckblatt ein sehr wertvolles Material war. Danach kamen die fertigen Zigarren dann zum sortieren, wo sie nach Schattierungen "hell", "dunkel", "rot" , "matt" usw. erst vor und dann reinsortiert wurden. Das Sortieren  war eine höchstqualifizierte Arbeit in der Zigarrenmacherei. Dazu war die längste Lehrzeit nötig, meistens drei Jahre, da die Augen für die feinen Farbunterschiede langsam geschult werden mussten. Sortiert kamen die Zigarren in ebenfalls arbeitsteilig hergestellte Kistchen, wurden dann gepresst und waren dann versand fertig.
Die Kistenmacherei, die fast in jeder größeren Fabrik vorhanden war, war vielfach auch eine Handarbeit; allerdings wurden in großen Fabriken meist Nagel- und Heftmaschinen zum Einsatz gebracht. Das Bekleben und Fertigmachen der Kisten war mit Ausnahme des Einbrennens von Bildern oder Namen, wieder eine ausschließliche Handarbeit. Ehe die Zigarren zum Versand oder ans Lager kamen, mussten sie versteuert d.h. mit einer Banderole versehen werden. Diese Art der Tabakversteuerung haben wir erst nach dem Gesetz vom 12.September 1919, welches am 01.April 1920 in Kraft trat. Nach dem Wortlaut dieses Gesetzes belastet die Steuer die teuren Sorten erheblich höher. Sie stieg für Zigarren von 10 - 50 % des Kleinverkaufspreises. Allerdings wurde während der Inflationszeit die Staffelung der Steuersätze durch die Geldentwertung dauernd überholt, bis am 01.April 1922 ein Einheitssatz von 20 % des Kleinverkaufspreises als Steuer erhoben wurde. Als man im Herbst 1923 alle Steuern auf "Gold" umstellte, wurde auch für die Tabaksteuer vom 1.November 1923 eine Zahlung in "Gold" verlangt.
Auf dem Eichsfeld war jedesmal nach Inkrafttreten der neuen Steuer ein Produktionsrückgang zu verzeichnen. Dieser war leider auch verbunden mir Entlassungen. Der Grund der Entlassungen war auch darin zu suchen, dass infolge der Verteuerung des Rauchgenusses dieser eingeschränkt wurde. Weiterhin deckten sich die Händler und Verbraucher in der zeit zwischen der Beratung des neuen Gesetzes im Parlament und seinem Inkrafttreten gründlich mit Rauchzeug ein. Darauf deutete auch die starke Beschäftigung in dieser Periode hin, die sich in Überstunden und Neueinstellungen äußerte. Es konnte keine Rede davon sein, dass die Tabaksteuer die Industrie ruiniert. Waren die Zigarren so fix und fertig verpackt und versteuert, so konnte man an den Verkauf und Versand gehen. Dabei zeigte sich ein neuer Überstand in der Zigarrenindustrie; die außerordentliche Konkurrenz der Zigarrenfabrikanten untereinander. Nur wenn der Chef selbst seine Kundschaft immer wieder bereiste, wenn er äußerste Preise kalkulierte und seine Konkurrenz auch durch geschmackvolle und elegante äußere Aufmachung übertraf, hatte er überhaupt nur Aussicht auf Absatz. Es hat auf dem Eichsfeld Zeiten gegeben, in denen man das ganze Jahr über auf Lager arbeiten musste, so das einem die Zigarren aus dem Hause wuchsen und sich das ganze Geschäft auf Weihnachten zusammendrängte. Hier kam es dann vor, das 12 Arbeitsstunden am Tage keine Seltenheit war.
Woher kam es, dass die Zigarrenfabriken vor dem Kriege wie Pilze aus der Erde schossen und sich gegenseitig die Nahrung aus dem Boden sogen? Infolge der günstigen Wirtschaftslage Deutschlands war die Zigarre Konsumartikel der breiten Masse des Volkes. Dieses gab immer wieder den Anstoß zur Gründung von neuen Kleinstbetrieben. Sie wurden dadurch ermöglicht, dass ein paar tausend Mark zur Einrichtung eines Kleinstbetriebes genügten. Diese geringen Mittel waren aus Erspartem und von  Bekannten geborgten leicht zu beschaffen. Diese Kleinstbetriebe waren konkurrenzfähig, weil sie mit viel weniger Unkosten arbeiteten wie die Groß- und Mittelbetriebe. Ihre Kundschaft, Wirte, Hausierer, Dorfgenossen usw. machte keine Ansprüche in Bezug auf die Ausstattung der Kistchen und Zigarren und waren regelmäßige Abnehmer, ohne durch große Reklame und Überredungskunst der Reisenden ermuntert zu werden. Aber auch zur Gründung einer größeren Fabrik war verhältnismäßig wenig Kapital nötig; dazu kam, dass auf dem Eichsfeld Grund und Boden sowie die Baukosten selbst zur Errichtung einer Fabrik nicht teuer waren, und die Unternehmen überdies von den Sparkassen und Darlehnskassen billige Kredite erhielten. Die Städte und Kreisverbände hatten ein großes Interesse an der neuen Industrie, von der sie sich eine Hebung der wirtschaftlichen Lage ihrer Einwohner versprachen. Diese allmählich immer weitere Kreise ziehende Industrie konnte nicht ohne den Einfluss der Bevölkerung des Eichsfeldes bleiben. Wir haben weiter schon in diesem Artikel gelesen, dass die Zigarrenindustrie gute Existenzmöglichkeiten in der Heimat, besonders für die Frauen und Mädchen schaffte. Sie brauchten nicht mehr außerhalb der Heimat in Konserven- und Zuckerfabriken ihr Brot zu verdienen, wodurch besonders die Sittlichkeit der jungen Mädchen nicht gerade vorteilhaft beeinflusst war. Außerdem verschaffte die Zigarrenindustrie ihren Arbeitern auch bei ihren Mitbürgern eine leidlich angesehene Stellung. Wohl waren am aller ersten Anfang die Zigarrenmädchen wegen des eigenartigen Tabakgeruches, der ihnen durch die Arbeit anhaftete, etwas verachtet, aber bald verwandelte sich diese Verachtung in ihr Gegenteil; die Mädchen, die gut Geld verdienten und sich besser kleiden konnten als ihre Genossinnen, die nicht in die Fabrik gingen, wurden geachtet und gern geheiratet. Außerdem erfreute sich die Zigarrenarbeit deswegen einer gewissen sozialen Wertschätzung, weil man sie nicht als Fabrikarbeit, sondern eher als Handwerk ansah. Daran war hauptsächlich die Lehrzeit schuld, die beim Roller und Sortierer mehr als ein bloßes Anlernen war. Die Zigarrenfabriken trafen eine Auswahl unter den sich anbietenden Mädchen. Dabei wurde die Sauberkeit nicht nur des Mädchens, sondern auch der ganzen Familie gesehen. Durch diese Auswahl und die Lehrzeit bildete sich ein ganz erheblicher Berufsstolz aus. Hinzu kommt ferner bei der sozialen Einschätzung der Zigarrenarbeit die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs vom einfachen Zigarrenmacher zum selbständigen Unternehmer, der für viele fleißige, tüchtige und sparsame Arbeiter und Arbeiterinnen gegeben ist. Diese gehobene soziale Stellung der Zigarrenarbeiter hatte zur Folge, dass unter ihnen kein einheitliches Klassenbewußtsein aufkommen konnte. Sie fühlten keinen Unterschied sozialer Schichtung zwischen ihnen selbst und ihren Nachbarn, Bauern und Handwerkern. Deshalb waren sie auch einer Organisation auf proletarischer Basis in den Gewerkschaften zunächst wenig geneigt. Die ersten paar Organisierten: 1918 waren es 3 männliche und  16 weibliche Mitglieder im Zentralverband christlicher Tabakarbeiter Deutschland.
Bei dieser Vereinigung kann man auf drei Momente zurückgreifen:
1. Die Eichsfelder sind katholisch und insofern der sozialistischen Partei wenig zugänglich. Deshalb bestand für sie erst von der Gründung des Zentralverbandes christlicher Tabakarbeiter Deutschlands 1899 an die Möglichkeit gewerkschaftlicher Organisation. Außerdem sorgten die Geistlichen in den Jünglings- und Jungfrauenvereinen für Unterhaltung,   Belehrung und Erbauung und waren zugleich Berater in wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen.
2. Die Zigarrenarbeiter sind überwiegend Frauen, deren Organisierung sehr schwer ist. Bei der Gründung der Ortsvereine überwiegen denn auch bei weitem die Männer.
3. Den 3. wunden Punkt bildet die Heimarbeit, die jeder tariflichen  Regelung der Löhne durch Unterbietung in den Rücken fiel. Die Heimarbeiter entzogen sich dem Einfluss der Gewerkschaften dadurch, dass sie isoliert arbeiten und das es ihnen an jeglichem Solidaritätsgefühl fehlte.

Alle diese Hindernisse einer dem Wachsen der Industrie entsprechenden Organisation der Arbeiter verurteilen die vorhandenen Ansätze zu wirtschaftlicher Machtlosigkeit. Erst als nach Krieg und Revolution von den Gewerkschaften das Odium der Wirtschafts- und Staatsfeindlichkeit genommen wurde, als man begann in den Koalitionen die berufene Vertretung der Arbeiterschaft zu sehen und ihre Mitwirkung bei der Festsetzung von Arbeitsbedingungen für notwendig zu halten, konnte eine lebenskräftige gewerkschaftliche Zigarrenarbeiterorganisation entstehen. Charakteristisch ist die  Ausdehnung des Zentralverbandes christlicher Tabakarbeiter in Deutschland, der im Bezirk Mitteldeutschland etwa 102 Ortsgruppen hatte von denen 90% auf dem Eichsfelde sind. Diese Ortsgruppen bestehen zum Teil seit 1909 und hatten damals alle zusammen rund 80 Mitglieder, 1916 waren es ungefähr 300, Ende 1922 dagegen 7000 und Ende 1923 5600 Mitglieder. Dieser Rückgang im Jahre 1923 ist die Folge des Rückganges in der Zigarrenindustrie in Folge der schlimmen Inflation. Die Stellung zum deutschen Tabakarbeiterverband, der freien Gewerkschaft der Zigarrenindustrie, ist in wirtschaftlichen Fragen sehr kollegial und freundschaftlich, in Fragen der Weltanschauung gegnerisch.Im Zentralverband sorgen die Geistlichen Herren an verschiedenen Stellen für das geistige Wohl der Arbeiter durch Vorträge, Liederabende u.a. Dieser Begünstigung ist es entscheidend zu verdanken, dass sich die Frauen und Mädchen ihm angeschlossen haben. Die zweite Hauptaufgabe des Zentralverbandes christlicher Tabakarbeiter in Deutschland war di Verteilung der Arbeitslosenunterstützung. Arbeitslose in der Zigarrenindustrie, dies hatte man bis dahin für überhaupt unmöglich gehalten! Während des Krieges, als viele Industrien brach lagen, war für die Zigarrenindustrie Hochkonjunktur. Alle Eichsfelder Fabrikanten waren an den Heereslieferungen beteiligt. Sie konnten zunächst ihre während des Sommers 1914 übervoll gewordenen Läger absetzen und brauchten lange keine Zigarren wieder auf Lager zu nehmen. Neben den direkten Heereslieferungen hatten sie Gelegenheit, Zigarren für den Privatkonsum und die Liebesgabensendungen herzustellen. Zur Bewältigung der reichlichen Aufträge wurden Überstunden gemacht und aus der Textilindustrie entlassene Arbeiterinnen eingestellt. So bildete die Zigarrenindustrie während des Krieges eine Zufluchtstätte für alle infolge der Kriegswirtschaft brotlos gewordenen Arbeiterinnen und war die Ernäher der Familien, bei denen die männlichen Glieder eingezogen waren und die weiblichen für den Lebensunterhalt zu sorgen hatten. In den letzten Jahren des Krieges setzte dann allerdings, wie an allen Industrien, ein chronischer Rohstoffmangel ein. Wenn man sich  auch durch Verarbeitung von Ersatzstoffen zu helfen suchte, so mussten doch eine Reihe der Betriebe stillgelegt werden. Die Arbeiter dieser Betriebe wurden arbeitslos. Diese konnten meist in der Landwirtschaft untergebracht werden, oder wanderten an Orte, wo Kriegsindustrien waren. Auch in der ersten Zeit nach dem Kriege kann noch nicht von einer eigentlichen Arbeitslosigkeit der Zigarrenarbeiter gesprochen werden. Erst als man sich der zunehmenden Geldentwertung, der die Löhne und Gehälter nicht im entferntesten folgten, und der damit verbundenen Verarmung Deutschlands in allen Kreisen des Volkes bewusst wurde, nahm mit allen Luxuskonsum , auch der des Tabaks in zunehmenden Maße ab.

Auf dem Eichsfeld machten sich diese wirtschaftlichen Verhältnisse seit Anfang 1923 bemerkbar. Die Aufträge verringerten sich zusehends, so dass zeitweise mit verkürzter Arbeitszeit gearbeitet wurde oder zeitweise der Betrieb ganz stillgelegt werden musste. Im September 1923 waren nur noch etwa 30 % der Betriebe voll beschäftigt. Diese wachsende Arbeitslosigkeit wurde nun vielfach als eine Folge des Tabaksteuer- gesetzes angesehen und die arbeitslosen Zigarrenarbeiter, gemäß des Unterstützungsparagraphen dieses Gesetzes, verfolgt. Die Unterstützung war so organisiert, dass sich die Gewerkschaften zwischen Zollamt und Unterstützten einschoben. Durch die Geldentwertung wurde diese Unterstützung, die immer dieselbe Höhe, nämlich 75 % des letztverdienten Lohnes behielt, illusorisch. Erst als mit Einführung der "Goldbanderole" diese Unterstützung aufhörte und die Zigarrenarbeiter der allgemeinen Fürsorge angeschlossen wurden, wurde aus einer scheinbaren eine wirkliche Unterstützung. Fragen wir nun zum Schluss dieses Artikels nach der Bedeutung der Zigarrenindustrie für das Eichsfeld, dürfen wir uns nicht durch die trostlosen Verhältnisse im Jahre 1923 den klaren Blick verdunkeln lassen. Es sah damals in allen Betriebszweigen trübe aus. Die Eichsfelder Zigarrenindustrie war und ist heute noch (Gildemann Dingelstädt, Zigarrenfabriken Treffurt) ein vollwertiges Mitglied der deutschen Wirtschaft. Mit ihr fällt und steht sie. Mit der zunehmenden Gesundung des deutschen Wirtschaftsleben nach dem Jahre 1924, konnte auch das Eichsfeld und deren Industrie besseren Zeiten entgegensehen, und das Eichsfeld war dieses auch wert. Denn für unser Eichsfeld hat die Zigarrenindustrie großes geleistet gemeinsam mit der Textilindustrie. Vorwiegend diese beiden Betriebszweige haben die Abwanderungen aus dem Eichsfeld Einheit geboten, die Frauen und Mädchen sesshaft gemacht und so bezahlt, dass von einem " armen Eichsfeld "nicht unbedingt die Rede sein konnte. Aber eins haben sie doch nicht vermocht, nämlich den Männern ausreichende Erwerbsmöglichkeiten zu verschaffen. Es fehlten Betriebe, die das Arbeitsangebot der Männer auch nur einigermaßen aufzunehmen imstande waren. Nur in den Kalischächten des Kreises Worbis finden die in den umliegenden Ortschaften wohnenden Männer Arbeit, in Dingelstädt gab es ein paar Fabriken, in denen landwirtschaftliche Maschinen gebaut wurden, ebenso in Heiligenstadt durch die dortige Nadelfabrik. Die Ziegeleien, Stein- und Gipsbrüche waren ebenso wenig wie das Bauhandwerk in der Lage, für genügende Beschäftigung der Eichsfelder Männer zu sorgen. Deshalb war der überwiegende Teil von Ihnen immer noch gezwungen, außerhalb der Heimat Arbeit zu suchen. Sie fanden in Kassel, Hannover und Halle als Fabrikarbeiter, in Westfalen und der Halberstädter Gegend als Landarbeiter ihren Lebensunterhalt. So tragisch wie früher ist diese Arbeit fern von der Heimat freilich nicht mehr zu beurteilen, da das Eichsfeld durch Eisenbahnen erschlossen und mit den anderen Gegenden verbunden ist und dadurch häufige Besuche bei der Familie ermöglicht wurden. Ideal war jedoch dieser Zustand trotzdem nicht.